Klima ohne Schnurrbart
Warum wir Terroristen mehr fürchten als den Klimawandel.
Dan Gilbert
Psychologe, Harvard University, Boston
Kein Mensch scheint sich wegen der nächsten Attacke auf das World Trade Center Sorgen zu machen. Warum? Weil keine Terroristen mit Teppichmessern beteiligt sind. Sondern bloß schmelzende Gletscher, die den Meeresspiegel ansteigen lassen und besagtes Grundstück in Lower Manhattan in ein Aquarium verwandeln werden.
Die Wahrscheinlichkeit, dass dies passiert, ist viel größer als die, dass irgendein Fanatiker in einem Flugzeug eine Schuhbombe zündet. Dennoch investiert unsere Regierung Milliarden Dollar in den Kampf gegen den globalen Terrorismus – und praktisch nichts in den Kampf gegen die globale Erwärmung.
Warum ängstigt uns eine wahrscheinliche Katastrophe weniger als eine unwahrscheinliche? Weil das menschliche Gehirn bei Gefahr auf vier bestimmte Schlüsselreize reagiert – Reize, die der Terrorismus bedient, aber nicht der Klimawandel.
Zum ersten trägt der Klimawandel keinen Schnurrbart. Ernsthaft! Wir Menschen sind soziale Wesen, deren Gehirn vor allem auf die Einschätzung ihrer Mitmenschen trainiert ist. Zu verstehen, was andere vorhaben – was sie wissen und wollen, was sie tun und planen – ist so entscheidend für das Überleben der Menschheit gewesen, dass wir geradezu besessen sind von allem, was mit Menschen zu tun hat. Permanent denken wir über andere Leute nach, reden über sie, betrachten sie und erinnern uns an sie.
Deshalb regen wir uns eher über Milzbrand auf (jährliche Todesrate: praktisch Null) als über Grippe (jährliche Todesrate: bis zu einer halben Million Menschen). Eine Grippe-Epidemie ist ein natürliches Ereignis, ein Milzbrand-Anschlag die Tat eines Menschen, und die kleinste Tat fesselt unsere Aufmerksamkeit nun mal viel stärker als das größte Unglück. Wenn zum Beispiel zwei Flugzeuge vom Blitz getroffen und dann in ein New Yorker Hochhaus gestürzt wären, könnten sich heute nur noch die wenigsten an das genaue Datum erinnern.
Der Klimawandel hat es nicht eigens auf uns abgesehen. Er will uns nicht gezielt töten, und das ist wirklich schade. Wenn die Erderwärmung eine Waffe wäre, die irgendein fieser Diktator gegen uns richtet – ja, dann würden wir natürlich mit aller Macht dagegen Krieg führen.
Der zweite Grund, warum nicht längst unsere inneren Alarmglocken schrillen: Das Klima hat nichts mit unserem Sinn für Anstand und Moral zu tun. Es bringt weder unser Blut in Wallung (jedenfalls nicht im übertragenen Sinn), noch verleitet es uns nicht zu sündigen oder abstoßenden Gedanken. Wenn Leute etwas beleidigend oder eklig finden, dann unternehmen sie normalerweise etwas dagegen – zum Beispiel schlagen sie sich die Köpfe ein oder gehen zur Wahl.
Alle menschlichen Gesellschaften haben moralische Regeln, die besagen, wie man sich beim Essen oder beim Sex zu verhalten hat. Moralische Regeln, die sich um die Chemie der Atmosphäre kümmern, gibt es dagegen nicht. Wir erregen uns ständig über irgendwelche Verletzungen des Protokolls, nur nicht über Verletzungen des Kyoto-Protokolls. Ja, Klimawandel ist eine schlimme Sache, aber keine, die uns wirklich aufrüttelt, wütend macht, uns den Magen umdreht. Deshalb fühlen wir uns nicht gezwungen, dagegen ebenso entschlossen vorzugehen wie gegen andere Bedrohungen der Menschheit, beispielsweise das Verbrennen der amerikanischen Flagge. Würde die Erdwärmung durch homosexuelle Praktiken oder das Verzehren putziger kleiner Vogelküken verursacht – Millionen Demonstranten würden in unseren Straßen dagegen Sturm laufen.
Der dritte Grund, warum die Erderwärmung uns kalt lässt: Sie bedroht unsere Zukunft – nicht unsere Gegenwart. Wie alle Tiere reagieren wir augenblicklich auf konkrete Gefahren. Schmeißt jemand einen Stein in unsere Richtung, reichen uns Millisekunden zum Wegducken. Das Gehirn ist ein beeindruckend konstruierter Kollisionsverhütungs-Mechanismus, der unsere Umgebung ständig nach Risiken absucht, denen wir ausweichen müssen. So funktionierte das Gehirn über Hunderte Millionen Jahre – um dann, vor ein paar Millionen Jahren, einen neuen Trick zu lernen: Zeit und Ort einer Gefahr zu erkennen, noch bevor diese eintritt.
Die Fähigkeit zum vorausschauenden Wegducken ist ein wirklich tolles Upgrade der Gehirn-Software. Ohne sie gäbe es heute weder Zahnseide noch betriebliche Rentenversicherung. Doch leider steckt die Software-Entwicklung noch in den Kinderschuhen. Die ursprüngliche Funktion, heranfliegenden Steinen auszuweichen, läuft sicher und zuverlässig, die erweiterte Anwendung gibt es bislang nur in einer absturzgefährdeten Testversion. Bislang haben wir den Trick noch nicht gelernt, die Zukunft als die Gegenwart zu behandeln, die sie demnächst sein wird.
Es gibt einen vierten Grund, warum wir mit dem Klimawandel nicht klarkommen. Das menschliche Gehirn registriert äußerst sensibel, wenn sich Helligkeit, Geräuschkulisse, Temperatur, Druck, Größe, Gewicht oder andere Parameter ändern. Es sei denn, die Veränderung verläuft langsam genug, dann wird sie nicht bemerkt. Wenn das tiefe Brummen eines Kühlschranks im Verlauf etlicher Wochen ganz allmählich anstiege, könnte er am Ende in höchsten Soprantönen quieken, ohne dass sich jemand darüber aufregt.
Weil wir sie nicht spüren, akzeptieren wir graduelle Änderungen, die wir empört zurückweisen würden, wenn sie auf einen Schlag geschähen. Der Verkehr in Los Angeles zum Beispiel ist über die letzten Jahrzehnte immer dichter geworden, aber die Bürger nehmen das – vom üblichen Gemeckere mal abgesehen – anstandslos hin. Wenn die Verkehrslawine aber an einem einzigen Tag im letzten Sommer über die Stadt hereingebrochen wäre, wären die guten Leute von Los Angeles in Generalstreik getreten, sie hätten die Nationalgarde angefordert und jeden verfügbaren Verkehrspolizisten gelyncht.
Umweltschützer verzweifeln, weil der Klimawandel so schnell geschieht. Dabei geht alles noch nicht schnell genug. Wenn Präsident Bush in eine Zeitmaschine steigen und einen einzigen Tag im Jahr 2056 erleben könnte, würde er geschockt und entsetzt in die Gegenwart zurückkehren – entschlossen, alles Menschenmögliche zu tun, um das Problem zu lösen.
Das menschliche Gehirn ist ein erstaunlicher Apparat – dafür konstruiert, an Herausforderungen zu wachsen. Wir sind die Nachfahren von Leuten, die jagten und sammelten, deren Leben kurz war und für die ein Mann mit einem Stock die größte Gefahr darstellte. Wenn Terroristen angreifen, reagieren wir mit aller Gewalt und Entschlossenheit, genau wie unsere Vorfahren es getan hätten. Der Klimawandel hingegen ist eine so tödliche Gefahr, weil er die Alarmglocken in unserem Kopf nicht schrillen lässt. Wir schlafen ruhig und fest in einem Bett, das längst zu brennen begonnen hat. Immerhin ist es möglich, dass unser Gehirn lernt, sich auf die neue, schleichende Bedrohung einzustellen. Bevor es zu spät ist.
www.danielgilbert.com
Dan Gilbert, 50, ist Professor für Psychologie an der renommierten Harvard-Universität in Boston, USA. Sein Artikel erschien zunächst in der Los Angeles Times.
Quelle:
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